Violett ist erst der AnfangDie Vorabend-Soap „Liebes Leben“ ist nicht nur angesagt, sondern auch in lesbischen Kreisen mehr als beliebt – Grund ist das Fernseh-Pärchen Viola und Babett, von den Fans kurz Violett genannt, gespielt von Jule Schweitzer und Ewa Bogacz. Beide wissen nichts um den Hipe, der um sie veranstaltet wird, bis sie während eines Interviews darauf angesprochen werden. Sofort recherchiert Jule nach und stößt dabei nicht nur auf Foren, Blogs und Fanfictions, sondern stellt fest, dass sie ihre Kollegin wirklich gern hat und diese ihre Gefühle ebenso heftig erwidert.
So beschließen die beiden Frauen es einfach zu versuchen, und da sie normalerweise auf Männer stehen und keine Lesben sind, taufen sie ihren momentanen Zustand kurzerhand violett und stürzen sich in das Abenteuer Beziehung. Um sich besser kennenzulernen und den Versuch zu starten einander näher zu kommen, ist ein kuscheliges Wochenende bei Jule geplant. Doch noch bevor man mit Kaviar, Champagner und eingelegten Oliven aufs Ganze gehen kann, erreicht Ewa ein Anruf ihrer polnischen Freunde Alicja und Piotr – Ewas Hund ist krank und so reisen die beiden Frauen kurzerhand nach Hamburg, um dem treuen Vierbeiner beizustehen. Dass dieses Wochenende in einem einzigen Chaos endet und Jule nicht nur in Ewas Wahlfamilie aufgenommen wird, hätte sich die junge Schauspielerin nie träumen lassen …
„Violett ist erst der Anfang“ ist der Auftakt einer zweitteiligen Buchreihe von Judith Hüller, die bei Instant Books, dem neuen eBook Imprint des Carlsen Verlags erscheint. Die ursprünglich in einem Soapforum entstandene Geschichte entführt den Leser auf einen chaotischen, spritzigen Trip, bei dem sich zwei Frauen ineinander verlieben und schließlich ihre ersten gemeinsamen Probleme (Familie, Coming-Out, Vergangenheits-Traumata) bewältigen müssen. Dass diese in dem ganzen Chaos und der witzigen Etappen beinah untergehen, ist kaum verwunderlich, legt es „Violett ist erst der Anfang“ doch gerade auf eine freche und ungezwungene Abhandlung der Thematik an. So sind Jule und Ewa nicht lesbisch, sondern violett, ihr erstes Gespräch steht unter dem Stern polnischen Wodkas und Ewas Familie ist lieb und durchgeknallt gleichermaßen.
Dabei ist die Grundhandlung nicht unbedingt neu, doch das verliert man schnell aus den Augen, wenn man mit den ungleichen Frauen durch Hamburg tigert. Lediglich an einigen Stellen schleichen sich unlogische Passagen ein, insbesondere wenn eine der Figuren ein wenig arg auf dem Schlauch steht oder eine Andeutung nicht versteht. Auch kommt es immer wieder vor, dass zugunsten der Situationskomik einige Szenen einfach nur unglaubwürdig sind und man als Leser (wenn auch mit Lachtränen in den Augen) den Kopf schüttelt. Zwar wiegt der Humor all die kleinen Fehler wieder auf, doch manchmal wäre weniger mehr gewesen.
Ein großer Pluspunkt sind die liebenswerten, chaotischen Charaktere, die
maßgeblich für den Witz und die Situationskomik verantwortlich sind. Jule und
Ewa sind chaotisch, sympathisch und passen unheimlich gut zusammen. Judith
Hüller sind sehr realistische und lebensfrohe Charaktere gelungen. Nahezu auf
jeder Seite springen den Leser die Lebensfreude und die chaotische Liebe von Ewa
und Jule an, so dass es schwer fällt das Buch aus der Hand zu legen.
Auch die Nebenfiguren sind sympathisch, individuell und sehr lebendig. Sei es das liebenswerte Pärchen Alicja und Piotr, die Jule nach einem Abend polnischen Wodkas in die Familie aufnehmen, oder die Leute am Set von „Liebes Leben“ – es macht Spaß die verschiedenen Figuren kennen zu lernen und zu sehen, wie sich Jule und Ewa von einer Katastrophe in die andere hineinmanövrieren. Alle Figuren, die die beiden umgeben, sind positiv und vorurteilsfrei, was sehr angenehm ist und der Geschichte eine ganz eigene Dynamik verleiht: wilde Knutscherei auf dem Küchentisch von Ewas Freunden – kein Problem! Anstatt Anfeindungen kommt es zu witzigen Dialogen und Szenen, die „Violett ist erst der Anfang“ erst so richtig in Fahrt bringen. Anstelle von dramatischem Coming-Out, in Kombination mit den üblichen Problemen, wird in diesem Buch alles wesentlich frecher und witziger abgehandelt, getreu dem Motto: Hauptsache Liebe, wer mit wem ist egal.
Stilistisch ist „Violett ist erst der Anfang“ zu Beginn ein wenig
gewöhnungsbedürftig. Wer selten Frauenromane liest oder noch keinen Blick in
entsprechende Unterhaltungsromane geworfen hat, wird zunächst ein wenig verwirrt
sein, insbesondere wenn Jule ihre Freundin mal mit Vor- mal mit Nachnamen
betitelt oder Ewa schlicht Frau B. nennt. Dennoch gewöhnt man sich schnell daran
und kann den Roman bereits nach wenigen Seiten voll und ganz genießen.
„Violett ist erst der Anfang“ ist ein wundervolles, lockerleichtes und angenehm zu lesendes Buch, das einfach nur Spaß macht und von der ersten bis zur letzten Seite unterhält. Judith Hüller hat ein wundervolles, sympathisches Duo erschaffen, dem man mit Freuden durch Hamburg und durch die Anfänge ihrer Beziehung folgt. Es ist angenehm, dass sich die Autorin nicht auf die gängigen Thematiken stürzt oder diese auf eine humorvolle und sehr lockere Art aufarbeitet, die „Violett ist erst der Anfang“ angenehm aus der breiten Masse lesbischer Literatur hervorheben. Wer sich an den frechen Schreibstil gewöhnt und die ein oder andere kleine Logiklücke außer Acht lässt, hat viel Spaß mit Jule und Ewa. Zu empfehlen.
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